Was hat unser Fürsorgenetzwerk mit dem Pilz zu tun? Der Matsutake ist einer der begeehrtesten Wildpilze in Japan. Er lässt sich nicht züchten, weil er ein sogenannter Mykorrhizapilz ist – er kann nur in Symbiose mit anderen Pflanzen leben. Matsutakes findet man oft in Landschaften, die die Anthropologin Anna Löwenhaupt Tsing in ihrem Buch über den Matsutake als „Ruinen des Kapitalismus“ beschreibt, vor allen Dingen in Wäldern, die von der Verwertung geschunden sind. Diese Matsutakegebiete bleiben langfristig erhalten, wenn Menschen sie bei der Ernte der Pilze gleichzeitig pflegen und nutzen: pflegnutzen. Hier bildet der Pilz mit dem Menschen eine Lebensgemeinschaft, wie er auch mit anderen Pflanzen über die Feinwurzeln eine symbiotische Lebensgemeinschaft bildet.

Warum haben wir Matsutake als Namen für uns gewählt? Die Struktur der Pilze – das Myzel (so etwas Ähnliches wie das Wurzelnetzwerk) und die Fruchtkörper – scheint uns ganz grundsätzlich eine schöne Symbolik für das Zusammensein, das wir uns wünschen. Mit unserem kooperativen Handeln weben wir alle tagtäglich ein Netz zwischen uns allen – ein Myzel. Wie das Myzel der Pilze ist es oft nicht sichtbar an der Oberfläche. Doch es ist und bleibt der eigentliche Pilz. So sind auch die gelebten Beziehungen zwischen uns der eigentliche Kern unseres Netzwerkes an Aktiven für den Wandel. Was uns übrigens auch noch am Matsutake-Pilz beeindruckt: Manche Quelle sagt, er wäre die erste lebendige Struktur nach dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima gewesen. Das macht uns Mut, uns für Wandel einzusetzen, auch wenn die Rahmenbedingungen immer wieder deprimierend sind.

Matsutake soll aus dem Myzel heraus ermöglichen, dass einzelne Menschen durch die Bodendecke gehen und als Fruchtkörper – Takes – ans Tageslicht gelangen und wirken können. Sie sind an unterschiedlichen Stellen verortet, eingewoben und pflegnutzen durch ihr Tun und Sein das Netz der Menschen, die sich für Wandel einsetzen. Weil sie aber – wie wir alle – in den „Ruinen des Kapitalismus“ leben müssen, sind auch sie in Verwertzungsprozesse eingewoben und müssen Teile ihres Lebensunterhalts mit Geld begleichen. Der Druck sich verwerten zu müssen, den Lebensunterhalt verdienen zu müssen, verringert die Möglichkeiten, sich für den Wandel zu verschenken. Wir versuchen mit Matsutake, die Ressourcen an Zeit, Geld, Fähigkeiten zu teilen und umzuverteilen, uns gegenseitig Dinge zu ermöglichen – in alle Richtungen und gemeinsam für Wandel.

Rund um den Pilz Matsutake gibt es in Japan einen fürsorglichen Prozess, wie wir ihn auch mit unserem Verein Matsutake e.V. anstreben – Silke Helfrich und David Bollier haben ihn in ihrem Buch „Frei, Fair und Lebendig“ beschrieben: Schon viele Jahrhunderte gilt in Japan Iriaiken, das Recht auf Commons (Gemeingüter), auch übersetzt als „das Recht, gemeinsam für etwas einzutreten“. Dieses Recht ist der Allmende ähnlich, jedoch umfasst es meist nicht ein Dorf als Bezugsgruppe, sondern mehrere Dörfer gemeinsam. Als im 19. Jahrhundert in Japan „modernes“ Eigentumsrecht eingeführt wurde, wurde das Iriaiken nicht abgeschafft, sondern als Gewohnheitsrecht erhalten. Wir können uns vorstellen, dass mit der Zunahme an privatem Eigentumsrecht immer mehr Konflikte zwischen den unterschiedlichen Wertevorstellungen und Handhabungen aufkamen. Am Matsutake können wir sehen, welche Lösungen es gibt: Auch wenn eine Person Eigentümer*in von einem Wald ist, untersteht sie in Bezug auf Matsutake dem Iriaiken. Einmal im Jahr wird das Gebiet, auf dem Matsutake wächst – das Matsutake-yama – ungeachtet der Eigentumsverhältnisse in Gebiete aufgeteilt. Unter Sammler*innen der Dörfergemeinschaft wird das Sammelrecht auf diese Gebiete versteigert. Auch die Eigentümer*innen der Wälder müssen mitsteigern, wenn sie Matsutake sammeln wollen. Der Erlös aus der Versteigerung schwankt jedes Jahr sehr stark. Er fließt in Geräte, die benötigt werden, die Landschaft des Matsutake zu pflegen, und in Feste und Gemeinschaftsaktivitäten. Die Oberfläche – Land und Fruchtkörper – sind also Privateigentum, das unterirdische Myzel jedoch Gemeinschaftseigentum. Die Pflege der Beziehungen ist direkt mit der Pflege des Matsutake verbunden.

Matsutake sind großzügige Esser. Sie zersetzen und geben das, was sie ausscheiden an andere Lebewesen weiter. Begrenzte Ressourcen werden vollständig genutzt, geteilt und mit anderen Lebewesen in einem geschlossenen Kreislauf gehalten, sodass alle etwas davon haben. Pilze als Spezies haben es den Pflanzen vor etwa 400 MIllionen Jahren erst ermöglicht, vom Wasser aus an Land zu gehen. Das war die Voraussetzung für Säuge- und andere Tiere. Wir Menschen können viel lernen von Pilzen, die schon so lange auf diesem Planeten leben. Zersetzend, nicht zerstörend leben Pilze in Kooperation mit anderen Lebewesen – auch jenen, die nicht ihrer eigenen Art angehören.

Quellen:
- Anna Lowenhaupt Tsing (2020): Der Pilz am Ende der Welt. Über das Leben in den Runinen des Kapitalismus. Berlin.
- Silke Helfrich & David Bollier (2019): Frei, Fair und Lebendig. Die Macht der Commons. Bielefeld, S. 250 – 255. https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5574-2/frei-fair-und-lebendig-die-macht-der-commons/ (PDF frei zugänglich).
- Matsutake. Ein Pilz im Anthropozän – Über das Leben in den Runinen des Kapitalismus. Podcast. (04.01.2025).
